Wolfgang Hering: Ohne Reisen nur die typisch deutsche 4/4 Takt-Dur-Harmonik

Wolfgang Hering, Kinderliedermacher, singt nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern reist regelmäßig im Auftrag des Goethe-Instituts ins Ausland, um mit Kindern zu musizieren und Pädagogen zu unterrichten. Auftakte.de sprach mit dem Liedermacher über die Besonderheiten ausländischer Schulen, Spracherwerb durch Musik und die Begeisterungsfähigkeit der Kinder. 

Auftakte: Seit wann besteht die Kooperation mit den Deutschen Schulen im Ausland und wie ist sie entstanden?

Wolfgang Hering: Mitte der 90er Jahre bin ich aus dem Fremdsprachen-Bereich des Goethe-Instituts in München angesprochen worden. Der Anlass bestand darin, dass sich unsere neu geschriebenen bzw. auch traditionellen Kinderlieder gut für Deutsch als Fremdsprache eignen würden, weil sie meist mit einem Bewegungsablauf verbunden sind. Viele Stücke vom Trio Kunterbunt hatten Einzug in Schulliederbücher und im Kindergartenbereich gefunden. Ich achte ja auch in meiner Liedermachertätigkeit immer mehr darauf, dass in den Texten korrektes Deutsch verwendet wird, und dass die Silbenverteilung einheitlich ist. Ich wurde danach eingeladen im Rahmen von Konzerten für Kinder und Fortbildungen einige Deutsche Schulen im Ausland zu besuchen. Seit dieser Zeit habe ich ca. 20 deutsche Schulen in Europa, in Mittel- und Südamerika, im Nahen Osten sowie Zentralasien bereist.

In Argentinien geht die Post ab!

Auftakte: Wie alt sind die Kinder, die an den jeweiligen Projekten teilnehmen? Ist es immer eine Altersstufe oder von Schule zu Schule verschieden?

Hering: Das ist ganz unterschiedlich. Fast alle deutschen Schulen haben als Einstieg einen Kindergarten. Dort lernen die Kinder auch die deutsche Sprache. Es geht also mit ca. drei Jahren los und endet in der Grundstufe mit ca. 11 bis 12jährigen. Da wähle ich dann ganz unterschiedliche Stücke aus. Bei den Kleinen ist es eher bewegungsorientiert und bei den Größeren sind die Titel rhythmischer und poppiger bearbeitet.

Auftakte: Wie sieht ein klassischer Projekttag aus?

Hering: Ich bereite mit Kindergruppen bzw. Klassen ein Konzert vor, zu dem dann die Eltern eingeladen werden. Aus einem Pool von zahlreichen Liedern suchen sich die Kinder ein Lied aus. Meist kommt noch ein gemeinsames Begrüßungs- und Abschiedslied hinzu. Die Kinder bringen eigene Ideen zur Gestaltung und Choreografie ein.

Auftakte: Wie reagieren die Kinder auf Ihre Musik? Wie schnell springt der Funke über?

Hering: Besonders in Mittel- und Südamerika sind die Kinder sehr begeisterungsfähig. Obwohl manchmal die technischen Bedingungen nicht optimal sind, machen die Kinder gerne mit und gestalten mit viel Eifer ihre Stücke auf der Bühne. Es wird deutlich, dass Deutschland ein eher kopflastiges Land ist. Rhythmen und Tanz spielen in diesen Ländern im Alltag eine viel größere Rolle als bei uns.

Deutschland ist ein kopflastiges Land

Auftakte: Wo liegt der Schwerpunkt bei den Lehrer-Fortbildungen? Werden diese an jeder von Ihnen besuchten Schule angeboten?

Hering: Musik und Bewegungsangebote unterstützen den Spracherwerb, erhöhen die Motivation der Lernenden und ermöglichen ein spielerisches Lernen. Einfache Lieder und Kinderverse eignen sich hervorragend zum Einsatz im DaF-Unterricht („Deutsch als Fremdsprache“). Wenn dann zusätzlich noch Spiel- und Bewegungsanregungen hinzukommen, gelingt es, die fremde Sprache lebendig zu erleben. Besonders hilfreich sind dabei rhythmisierte Texte. Oft bleibt dann dieses Erlernte besser im Gedächtnis haften. Die einfachen Kinderlieder und Musikspiele mit dem reduzierten Wortschatz beleben den Unterricht. Insbesondere im Kindergarten und in der Grundschule sind Musik und Bewegung für Kinder sehr wichtig. Bewegungslieder bieten sich an, diese Bedürfnisse nach szenischem Ausdruck aufzugreifen und sie in den pädagogischen Prozess zu integrieren. Nebenbei stellt sich mit dieser Thematik auch deutsche Kultur dar mit den Möglichkeiten des interkulturellen Austausches. Das ist eine Bereicherung für die Lehrwerke mit denen üblicherweise Deutsch gelernt wird.

Auftakte: Was ist anders als an Schulen in Deutschland?

Hering: Das kann ich nicht generell sagen. An den Schulen in Zentralasien war die Ausstattung z. B. sehr minimalistisch. Nur der Lehrer hat ein Lehrwerk. Da sind wir sicher in Deutschland sehr verwöhnt. An vielen Angebotsschulen in Mittel- und Südamerika ist die Ausstattung oft sehr gut. Es fehlt manchmal aber an der richtigen Handhabung. Auch die Pünktlichkeit ist in Deutschland sehr viel verbindlicher. Es wird ja viel geschimpft über das deutsche Schulsystem. In Mittel- und Südamerika ist die Pädagogik im Geiste von Alexander Humboldt sehr hoch angesehen.

Argentinier klatschen differenziert

Auftakte: Was für Unterschiede gibt es beim Singen, bzw. beim Zugang zur Musik zwischen ausländischen Kindern und deutschen?

Hering: Ich glaube, dass die Kinder in anderen Ländern eher einen rhythmischen Zugang zur Musik haben. Sie erleben das Singen von klein auf im familiären Umfeld. Aber auch dort sind elektronische Medien auf dem Vormarsch. Trotzdem werden wohl Instrumenten wie Trommeln, Rasseln oder Blasinstrumente sicher sehr viel öfter von Kindern gespielt. Eins kann ich sagen: Besonders in Argentinien geht die Post ab. Das Publikum kann zum Beispiel differenzierte Rhythmen klatschen!

Auftakte: Weshalb bietet sich Musik für den Spracherwerb besonders an?

Hering: Es gibt eine enge Beziehung zwischen Musik und Sprache. Rhythmen und Melodien von Sprechversen und Kinderliedern heben die typischen Akzentuierungen der jeweiligen Sprache hervor. In der Kinderlyrik hat jede Silbe ihre Wertigkeit. Es wird in der Regel Schriftdeutsch verwendet und durch die vielen Wiederholung und Refrains bleiben die Wörter mehr im Gedächtnis haften. Die Stücke stimulieren oft die Motorik und wecken besonders emotionale Empfindungen.

Auftakte: Wie bereiten Sie sich auf die einzelnen Schulorte in den verschiedenen Ländern vor?

Hering: Für Mittel- und Südamerika lerne ich spanisch um auch mehr Worte in der Landessprache verwenden zu können. Im Vorfeld muss viel abgesprochen werden und zahlreiche E-Mails werden ausgetauscht bis am Ende ein konkretes Programm steht.

Auftakte: Haben Sie vorher “Reisefieber”?

Hering: Immer. Es ist spannend, alles unter einen Hut zu bekommen und manchmal muss auch improvisiert werden. Das ist ja ein Vorteil als freier Kinderliedermacher. Ich kann einfach sagen: „Ich bin dann mal für drei Monate weg!“

Auftakte: Sofern Sie eines haben: Welches ist Ihr Lieblingsland?

Hering: Da will ich eher diplomatisch antworten. Jedes Land hat seinen Reiz. In Kirgisistan habe ich zum Beispiel viele deutschstämmige Lehrer kennen gelernt und einiges über die Geschichte des Landes erfahren. Das Deutschlernen steht dort hoch im Kurs. Das hat mich sehr beeindruckt. Im Libanon habe ich in Beirut die beiden deutschen Schulen besucht und einiges von diesem sehr komplizierten Nah-Ost-Konflikt mitbekommen. Besonders die Gastfreundschaft dort hat mir sehr gefallen.

Bewegungsorientiert für die jüngeren, poppig für die älteren Kinder

Auftakte: Was nehmen Sie an Impulsen und Ideen aus dem Ausland mit für Ihre Lehrtätigkeit und Konzerte in Deutschland?

Hering: Von den Reisen habe ich selbst viele Kinderlieder, Klatschstücke und Spielideen mitgebracht und in zwei interkulturellen Büchern mit CDs aufgearbeitet, die im Ökotopia-Verlag erschienen sind.

Auftakte: Welche Lieder, Tänze oder Spielideen in Ihrem Repertoire gibt es, die inspiriert wurden durch Auslandsaufenthalte?

Hering: Ich singe gerne ein Instrumentenlied aus Marokko oder ein indische Lied oder ein Frühlingslied aus China mit deutschen Textübertragungen. Die Stücke sind in meinem Buch „Bewegungshits von Moskau bis Marokko“ oder „Fingerspiele von fern und nah“ enthalten. Ich schreibe auch mal Stücke mit ungewohnten Moll-Harmonien oder in Pentatonik, d.h. mit fünf Tönen komponiert. Ohne diese Reisen wäre ich bestimmt bei unserer typischen deutschen 4/4-Takt-Dur-Harmonik geblieben. Musik aus andern Ländern erlebe ich als Bereicherung und verstehe meine Arbeit als interkulturellen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis.

Auftakte: Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Infos und Kontakt: www.wolfganghering.de


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